KI braucht Rechenzentren – und Rechenzentren brauchen Infrastruktur
Der Rechenzentrumsboom macht KI zur Bauaufgabe – und schafft neue Chancen für den Tiefbau.
Author
Jim Wolf
Director of Sales Consulting at HCSS
Dieser Artikel gehört zur Collection Künstliche Intelligenz
Zur ThemenseiteKünstliche Intelligenz erscheint oft rein digital. Doch jede Anfrage an ChatGPT, jedes trainierte KI-Modell und jede automatisierte Anwendung benötigt eine umfangreiche physische Infrastruktur. Rechenzentren, Stromnetze, Umspannwerke, Wasserleitungen und leistungsfähige Baustellen bilden die Grundlage für den KI-Boom.
Für Tiefbau- und Bauunternehmen entsteht dadurch ein Markt mit außergewöhnlichem Potenzial. Der Ausbau von KI-Infrastruktur erfordert nicht nur neue Rechenzentren, sondern auch Energie-, Wasser- und Versorgungsnetze in einer Größenordnung, die viele Regionen bislang nicht vorhalten.
KI braucht mehr als Rechenleistung
Hinter leistungsfähigen KI-Modellen steht ein enormer baulicher Aufwand. Grafikprozessoren und Server sind zwar zentrale Komponenten, reichen allein aber nicht aus. Sie benötigen geeignete Gebäude, stabile Fundamente, zuverlässige Energieversorgung, Kühlung und eine leistungsfähige Wasserinfrastruktur.
Damit wächst der Bedarf an Bauleistungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dazu gehören Erdarbeiten, Baugruben, Betonarbeiten, Zufahrtsstraßen, Entwässerung, Leitungsbau, Umspannwerke und Anlagen zur Wasseraufbereitung. Gerade Tiefbauunternehmen schaffen damit die Voraussetzungen, auf denen Rechenzentren und KI-Anwendungen betrieben werden können.
Die finanziellen Dimensionen sind entsprechend groß. McKinsey & Co. prognostiziert, dass die jährlichen Investitionsausgaben der Hyperscaler bis Ende 2026 auf knapp 700 Milliarden US-Dollar steigen könnten. Weltweit könnten die Investitionen in KI-Infrastruktur bis 2030 mehr als 5 Billionen US-Dollar erreichen. Dieser Investitionszyklus wird häufig mit dem Eisenbahnausbau des späten 19. Jahrhunderts verglichen.
Rechenzentren: Tiefbau als Grundlage
Rechenzentren stehen im Mittelpunkt der aktuellen Investitionswelle. Laut Colliers beliefen sich die weltweiten Investitionen in Rechenzentren im Jahr 2025 auf mehr als 580 Milliarden US-Dollar.
Damit ein Rechenzentrum zuverlässig arbeiten kann, müssen bereits vor dem eigentlichen Hochbau zahlreiche Voraussetzungen erfüllt sein. Dazu zählen:
- Erdarbeiten und die Vorbereitung der Baufläche
- Besonders tragfähige Bodenplatten sowie hoch ebene Industrieböden
- Maßnahmen zur Schwingungsisolierung empfindlicher Technik
- Zufahrtsstraßen, Baustellenlogistik und Verkehrserschließung
- Entwässerungsanlagen, Regenwassermanagement und Rückhalteflächen
- Leitungsnetze für Strom, Wasser, Abwasser und Datenanbindung
„Für uns ist es eine sehr arbeitsintensive Zeit“, sagt Wyatt Williams, zuständig für Projektsteuerung und Kalkulation bei Crux Subsurface. „Es entstehen viele Rechenzentren - und das hält uns gut beschäftigt. Zurzeit müssen zahlreiche Stromleitungen verlegt werden und im ganzen Land wächst der Bedarf.“
Stromversorgung als kritischer Erfolgsfaktor
Die Energieversorgung gehört zu den größten Herausforderungen beim Bau und Betrieb von Rechenzentren. Nach Angaben von Colliers entfallen rund 40 bis 50 Prozent der Kosten eines Rechenzentrumsprojekts auf die Strominfrastruktur.
Deloitte schätzt, dass sich der Strombedarf von KI-Rechenzentren in den USA bis 2035 gegenüber 2024 mehr als verdreißigfachen könnte: von 4 auf rund 123 Gigawatt. Das geplante OpenAI-Projekt Stargate soll allein eine Leistung von 10 Gigawatt benötigen — in etwa so viel wie die Spitzenlast von New York City.
Um diesen Energiebedarf zu decken, müssen Projektentwickler neue Erzeugungskapazitäten schaffen und bestehende Netze erweitern. Relevante Maßnahmen sind unter anderem:
- Neue Erzeugungsanlagen für Solarenergie, Erdgas, Kernenergie und weitere Quellen
- Übertragungs- und Verteilnetze für die Anbindung an das öffentliche Stromnetz
- Umspannwerke, Transformatoren und Schaltanlagen
- Batteriespeicher und andere Energiespeicher im Versorgungsmaßstab
- Lokale Energieerzeugung direkt auf dem Rechenzentrumsgelände

Der Ausbau findet parallel zur Energiewende, zur Elektrifizierung von Industrie und Mobilität sowie zur Modernisierung kritischer Infrastruktur statt. Unternehmen im Energie-, Leitungs- und Tiefbau stehen daher vor einer dauerhaft hohen Auslastung.
Wasser und Kühlung: Unsichtbar, aber unverzichtbar
Neben Strom ist Wasser ein entscheidender Faktor für die Leistungsfähigkeit von Rechenzentren. Das Training großer KI-Modelle erfolgt auf Tausenden Hochleistungsprozessoren. Diese erzeugen enorme Wärmemengen und müssen kontinuierlich gekühlt werden.
Dafür benötigen Betreiber ausgefeilte Kühlkonzepte und eine zuverlässige Wasserversorgung. Je nach Standort kommt Wasser aus Trinkwassernetzen, Kreislaufsystemen mit aufbereitetem Wasser oder aus Speichern auf dem eigenen Gelände. Die erforderliche Infrastruktur umfasst Rohrleitungen, Pumpstationen, Anlagen zur Wasseraufbereitung sowie Rückgewinnungs- und Recyclinglösungen.
Technologien für die Kühlung entwickeln sich schnell weiter. Konzepte wie orbital betriebene Rechenzentren mit Strahlungskühlung sind derzeit jedoch noch Zukunftsmusik. Auf absehbare Zeit bleiben Wasserinfrastruktur und sogenannte Wet Utilities — also Leitungen und Anlagen für Wasser, Abwasser und andere Flüssigkeitsmedien — unverzichtbare Bestandteile großer Rechenzentrumsprojekte.
Chancen und Risiken im KI-Infrastrukturboom
Der Rechenzentrumsboom eröffnet Bauunternehmen große Chancen, stellt sie aber auch vor erhebliche Herausforderungen. Besonders relevant sind mögliche Engpässe bei Fachkräften, Baumaschinen, Grundstücken, Energieanschlüssen und technischen Komponenten.
Auch globale Lieferketten bleiben ein Risikofaktor. Fehlende Transformatoren, Schaltanlagen oder andere elektrische Bauteile können Projekte verzögern und Kosten erhöhen. Gleichzeitig hat die jüngere Vergangenheit gezeigt, dass sich Lieferketten und Produktionskapazitäten anpassen können, wenn die Nachfrage langfristig gesichert ist.
Ein weiterer Diskussionspunkt sind die Auswirkungen auf Strompreise und lokale Ressourcen. Viele Betreiber und Hyperscaler stehen daher in der Verantwortung, die notwendigen zusätzlichen Netze und Erzeugungskapazitäten mitzufinanzieren. Ziel ist es, dass die Kosten nicht einseitig von anderen Stromkundinnen und Stromkunden getragen werden.
Digitale Bautechnologie schafft Transparenz
Der Bau von Rechenzentren stellt hohe Anforderungen an Planung, Kalkulation und Ausführung. Unternehmen müssen Angebote präzise kalkulieren, Bauabläufe zuverlässig steuern und ihre Ressourcen effizient einsetzen. Besonders wichtig sind aktuelle Daten zu Arbeitszeiten, Maschinenproduktivität, Baufortschritt, Materialverfügbarkeit und der Leistung von Nachunternehmen.
Jimmy Barnett, Senior Estimator bei HEI Civil, sieht darin einen zentralen Nutzen digitaler Lösungen: „Sie ermöglichen uns, bei Projekten mit möglicherweise höherem Risiko erfolgreicher zu arbeiten. Rechenzentren sind dafür ein gutes Beispiel. Wenn wir diese Informationen präsentieren und dem Kunden Echtzeitdaten aus aktuellen Projekten zeigen können, schafft das Vertrauen. Dann wird nachvollziehbar, dass unser tägliches Handeln auf realen und belastbaren Fakten beruht.“
Digitale Bautechnologie unterstützt Bauunternehmen dabei, fundiertere Entscheidungen zu treffen, Risiken frühzeitig zu erkennen und die Verfügbarkeit ihrer Maschinen zu verbessern. Gerade bei kapitalintensiven Projekten mit engen Terminplänen kann diese Transparenz entscheidend sein.

Fazit
KI-Infrastruktur ist keine reine Technologieaufgabe. Sie ist eine Bau-, Energie- und Versorgungsaufgabe. Rechenzentren bilden zwar das sichtbare Zentrum der Entwicklung, doch ihr Betrieb hängt von umfassender Tiefbau-, Energie- und Wasserinfrastruktur ab.
Für Bauunternehmen ergibt sich daraus eine langfristige Wachstumschance. Wer Projekte präzise kalkuliert, Ressourcen datenbasiert steuert und anspruchsvolle Baustellen sicher umsetzt, kann eine wichtige Rolle beim Aufbau der physischen Grundlage der KI übernehmen.
