Jamiroquais "Egyptian, cosmic, paradise, disco" mit Vince Foster: eine farbenfrohe Mischung aus digitaler Kunst, Lichtdesign und immersiver, architektonischer Bühneninszenierung.
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Licht, Idee, Emotion: Wie Arena-Shows heute entstehen

Bühnengestaltung für Jamiroquai - mit Vince Foster: eine farbenfrohe Mischung aus digitaler Kunst, cleverem Lichtspiel und rundum immersiver Bühnenarchitektur.

Author

Vince Foster

Showdesigner aus Großbritannien und seit 1979 in der Live-Entertainment-Branche tätig

Lesezeit: Minuten
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Licht, Idee, Emotion: Wie Arena-Shows heute entstehen

Dieser Artikel gehört zur Collection Insights.

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Schon 1978, noch als Schüler, fuhr ich zu einem Genesis-Konzert auf einem Festival in Knebworth House – einem prachtvollen Anwesen unweit meines Wohnorts in Hertfordshire, UK. Ich dachte, ich würde einfach ein paar Musiker auf einer Bühne vor 90.000 Menschen sehen. Doch was ich erlebte, ging weit darüber hinaus: eine überwältigende Lichtshow. Riesige Spiegel schwebten über den Köpfen der Band, Scheinwerfer trafen sie, und das Licht wanderte als lebendige Strahlenbündel durch die Nacht. Laser, Rauch und so viel mehr – ich war völlig geflasht. 

Im Jahr darauf, 1979, spielten Led Zeppelin dort. Einige Tage vor der Show fuhr ich wieder hin und fragte nach einem Job. Erst beim dritten Anlauf, zwei Tage später, wurde ich als “Mädchen für alles” engagiert – für all die Arbeiten, die sonst niemand machen wollte. Aber ich war drin. 

Danach wusste ich, dass ich meinen Weg gefunden hatte. Ich begann als Stagehand zu arbeiten und durfte bei Produktionen für The Rolling Stones, Pink Floyd und zahlreiche weitere mitwirken.

Es war immer das Licht, das mich am meisten interessierte. Damals steckte die Branche noch in den Kinderschuhen, und mir war nicht klar, wie gut das Timing war: In den folgenden zehn Jahren explodierte die Touring-Industrie regelrecht. Ich war 16 Jahre alt und brannte darauf, dabei zu sein. Studiengänge für Lichtdesign, Tontechnik oder Stage Management gab es damals nicht – man lernte alles „on the job“.

Spulen wir nun also mehr als 40 Jahre vor: Ich bin immer noch hier und mache den Job, den ich liebe. Besonders ist, dass alle auf dasselbe Ziel hinarbeiten: Am Ende des Tages eine Show auf die Beine zu stellen, sie wieder abzubauen, in LKW zu laden, in die nächste Stadt zu fahren – und alles von vorn aufzubauen.

Arena-Showdesign für Jamiroquai

Ein aktuelles Projekt, das meine Kreativität besonders gefordert hat, war eine Arena-Show für Jamiroquai.

Ich arbeite seit über 25 Jahren mit Jamiroquai zusammen. Letzten Sommer beschloss Jay, der Kopf der Band, wieder auf Tour zu gehen – seine erste Tour seit fünf Jahren. Er und die Band arbeiteten an einem neuen Album, und es war Zeit, das neue Material live auszuprobieren. Wir setzten uns mit einem leeren Blatt Papier hin, und er schrieb vier Worte darauf: „EGYPTIAN, COSMIC, PARADISE, DISCO“.

Zeichnung

Ausgehend von hinten sieht man zunächst eine riesige Leinwand. Darauf eine Art raues Paradiesmotiv mit Schmetterlingen, exotischen Vögeln, einem Sonnenuntergang, einem allsehenden Auge und etwas, das wie ein fliegender Fisch aussieht. Davor stehen Palmen, sogenannte „Water Bubble Columns“, die Band sowie Podeste und Treppen.

Mit diesem Bild im Kopf verließ ich das Meeting. Ein großartiger Start – ich kann nicht zählen, wie oft ich schon mit einem Zettel voller Nichtigkeiten aus einem ersten Gespräch gekommen bin. Oft hat der Künstler noch keine klare Vorstellung und verlässt sich stark auf den Designer, um ein Konzept zu entwickeln, was völlig in Ordnung ist – genau das ist mein Job. Jay hatte dieses Mal jedoch eine sehr klare Idee davon, was er wollte. Meine Aufgabe war es, diese Vision in ein funktionierendes Design zu übersetzen. Klar war: Wir brauchten eine große Leinwand als Bühnenrückwand. Daraus wurde ein 20 Meter breiter und zwölf Meter hoher LED-Screen.

Ich arbeitete mit mehreren, übereinander gelagerten LED-Flächen, um ein dynamisches, immersives Bühnenbild zu schaffen. Gekippte Screens bildeten dreidimensionale Pyramidenformen, während LED-Säulen gleichzeitig als wandelbare „Wasser“-Elemente und grafische Akzente dienten. Transparente Mesh-Screens sorgten für zusätzliche Tiefe, indem sie je nach Content optisch erscheinen oder verschwinden und so mehrere Bildebenen ermöglichen. Insgesamt ersetzten wir viele physische Effekte durch flexible, digitale Visuals – ein visuell vielseitiges und tourtaugliches Video Setup.Screenshot 2026-03-06 at 11.20.48 AM

Wie immer habe ich das gesamte Design in  Vectorworks Spotlight  gezeichnet.

Das Set selbst entstand aus modularen, gemieteten Bühnenelementen, um verschiedene Ebenen zu erzeugen. Ursprünglich waren eigens gebaute Bäume geplant, aber wir verwarfen sie, weil sie sich nicht flexibel genug in die vielen unterschiedlichen Looks der Show integrieren ließen. Stattdessen brachten wir die Bäume als digitale Motive auf den Screens ins Spiel – so konnten wir sie jederzeit passend zur jeweiligen Stimmung ein- oder ausblenden. 

Screenshot 2026-03-06 at 11.21.09 AM

Die schweren Bühnenelemente – massive LED-Screens, Pyramiden und Säulen – machten eine präzise Statikplanung mit Overhead-Traversen und gestückeltem Hochziehen notwendig, um das gesamte Set sicher fliegen zu können. 

Screenshot 2026-03-06 at 11.21.28 AM

Damit standen Set und Video-Konzept. Als Nächstes musste ein Platz für die Musiker gefunden werden. 

Screenshot 2026-03-06 at 11.21.50 AM

Nachdem die Band ihren Platz gefunden hatte, begann die eigentliche Feinarbeit: Licht, Rigging, Ton und Kabelwege mussten so zusammenfinden, dass sie mit den Musikern und den geflogenen LED-Elementen ein stimmiges Gesamtbild ergaben. Dank der integrierten Bibliotheken in Vectorworks konnte ich alle Komponenten – von Traversen und Motoren über Scheinwerfer bis hin zu Lautsprechern – in ein durchgängiges Planungsmodell bringen. 

Screenshot 2026-03-06 at 11.22.06 AM

 

Das Ergebnis: Eine Show, die sich sehen lassen konnte: ein ägyptisches, kosmisches Disco-Paradies. 

4Wall - Jamiroquai - The O2 - 9th December 2025 by Luke Dyson - LD2_0019

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