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Schwimmende Städte der Zukunft

Der Klimawandel beschäftigt auch die Planenden und lässt ganz neue Themenfelder entstehen. Schwimmende Städte als realistische Zukunftsvision?

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Eva Herrmann

Architect and freelance journalist with focus on communication the culture of building/architecture.

Lesezeit: Minuten
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Schwimmende Städte der Zukunft

Dieser Artikel gehört zur Collection Nachhaltigkeit

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Schwimmende Städte – Eine utopische Vorstellung oder realistische Zukunftsvision?

40 Prozent der Weltbevölkerung leben in Regionen, die nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen. Allein 21 der 33 sogenannten Megacitys befinden sich an den Küsten der Kontinente. Mit dem Ansteigen des Meeresspiegels durch schmelzende Polkappen geraten diese Städte in Gefahr. Laut einer Prognose der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 rund 90 Prozent der Megacitys in Meeresnähe mit Überflutungen zu kämpfen haben. Schwimmende Städte, eine bislang utopische Vorstellung, könnten dagegen eine realistische Zukunftsvision werden. Der Erfindungsreichtum ist groß, sogar die Vereinten Nationen diskutieren mit Forschenden, Meeresingenieur*innen, Designer*innen und Wissenschaftler*innen, wie eine Zukunft auf dem Wasser aussehen kann. Wie sehen die unterschiedlichen Visionen für die Städte der Zukunft aus? Wie leben und versorgen sich die Menschen in den schwimmenden Städten und welche Mobilitätsformen werden sie nutzen?

Die Niederländer wissen, wie das Leben mit dem Wasser funktioniert. Erste Experimente mit schwimmenden Habitaten laufen bereits. Ein Pionier auf diesem Gebiet ist Koen Olthuis. Seit vielen Jahren entwickelt der Architekt mit seinem Büro Waterstudio.NL Lösungen für die Herausforderungen, die sich aus Urbanisierung und Klimawandel ergeben. Schwimmende urbane Strukturen ergänzen das statische Netz der Stadt flexibel und nachhaltig. Diese Konzepte sind jedoch nicht den vermögenden Einwohnenden vorbehalten, sondern unterstützen mit den schwimmenden Siedlungen die Bewohner der Städte, die derzeit nicht einmal ihre grundlegendsten Bedürfnisse erfüllen können.

Für die Regierung der Malediven, deren Landfläche mehr als 80 Prozent der Gesamtfläche knapp über dem Meeresspiegel liegt, entwickelt Koen Olthuis aktuell das Projekt Maldives Floating City. Die Struktur der schwimmenden Segmente ist den bei den Touristen beliebten Korallenriffen nachempfunden. Ein Ring aus Barriereinseln fungiert unter Wasser als Wellenbrecher, stabilisiert die schwimmenden Plattformen und schützt zugleich die Riffe vor Eingriffen. Ein Netz von Brücken und Kanälen verbindet die verschiedenen Segmente aus Wohnungen, Geschäften, Dienstleistungen, aber auch einer Schule und eines Krankenhauses miteinander, autark versorgt durch erneuerbare Energien.

Einen Schritt weiter geht der dänische Architekt Bjarke Ingels, der auf der von den Vereinten Nationen einberufenen Konferenz zum UN Habitat im Jahr 2019 seine Vision für das Projekt Oceanix City vorgestellt hat. Die Basis bei ihm bilden schwimmende Module von je zwei Hektar Größe, auf denen bis zu 300 Menschen leben können. Eine Verankerung am Meeresboden stabilisiert und verbindet die Elemente. Bei starken Stürmen und Wellengang lassen sich die Module lösen und in ruhigere Gewässer transportieren. Die schwimmende Gemeinschaft ist so konzipiert, dass sie skalierbar ist, das heißt, mit der Zeit weiter wachsen und sich organisch anpassen kann. Als abfallfreies Kreislaufsystem gedacht, versorgt die grüne Stadt der Zukunft die Bewohnenden mit Energie, Trinkwasser und Nahrung.

schwimmende stadt oceanix

Eine der Visionen der UN Habitat Conference: Oceanix Floating City, © BIG Bjarke Ingels Group

konzept oceanix schwimmende stadt

Eine der Visionen der UN Habitat Conference: Oceanix Floating City, © BIG Bjarke Ingels Group

übersicht oceanix

Eine der Visionen der UN Habitat Conference: Oceanix Floating City, © BIG Bjarke Ingels Group

die schwimmende stadt oceanix bei nacht

Eine der Visionen der UN Habitat Conference: Oceanix Floating City, © BIG Bjarke Ingels Group

Die schwimmende Stadt ist als hochwassersichere Infrastruktur geplant, die mit dem Meer ansteigt oder absinkt. Die gemeinschaftliche Landwirtschaft ist das Herzstück jeder Plattform und ermöglicht den Bewohnenden eine Kultur des Teilens und die Etablierung abfallfreier Systeme. Ein Kreislaufsystem schützt die Natur: Aus Abfall werden Energie, agrarwirtschaftliche Rohstoffe und recyceltes Material. Frisches Wasser lässt sich durch moderne Wasserdampfdestillations-Technologien aus der Atmosphäre und durch das Auffangen von Regenwasser gewinnen. Sonne, Wind und Wellen liefern zusätzliche Energie, und die Mobilität beruht auf Sharing-Modellen und auf einer aktiven Fortbewegung durch die Plattformen selbst und ihrer Energie-Systeme. Unterhalb der Plattformen reinigen schwimmende Bioriffe, Algen, Austern, Miesmuscheln, Jakobsmuscheln und auch Muschelzuchten das Wasser und beschleunigen die Regeneration des Ökosystems. Die Module werden an Land mit lokalen, nachhaltigen Materialien wie Bambus vorgefertigt. Jedes Gebäude darauf fächert sich auf, um die Innenräume und den öffentlichen Raum selbst zu beschatten, was für Komfort und niedrigere Kühlkosten sorgt und gleichzeitig die Dachfläche für die Sonneneinstrahlung maximiert.

Die Möglichkeiten, die bereits vorhanden sind, will sich die Stadt Busan in Korea zu eigen machen und die erste schwimmende Stadt bauen. Busan ist einer der wichtigsten maritimen Standorte des 21. Jahrhunderts. Hier werden sowohl die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Besonderheiten Koreas einfließen als auch innovative Technologien und Materialien. Bis 2025 soll der Prototyp fertiggestellt sein und dann als Blaupause für neue Klimaanpassungsstrategien und einem Handeln mit der Natur – statt wie bisher gegen sie – brillieren. Das Ziel: nachhaltig und extrem anpassungsfähig zu sein. Dem Anstieg des Meeresspiegels mit neuen Ideen und der Verbindung aus Natur und Technik zu begegnen ist eine smarte und vorausschauende Art, die Welt zu gestalten.

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